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19.08.2009
(ZEWnews) Zum Schuljahresbeginn 2009/2010 werden bundesweit wieder rund 750.000 Kinder eingeschult werden. Im Laufe der Zeit wird sich für die
sogenannten "Kann"-Kinder unter ihnen - also Kinder, die auf Grund ihres Geburtsmonats und bestehender Stichtagsregelungen auch im
darauffolgenden Schuljahr eingeschult werden könnten - herausstellen, ob ihre frühe Einschulung die richtige Entscheidung gewesen ist.
Aktuelle Forschungsarbeiten des ZEW in Zusammenarbeit mit der Universität Hannover geben Aufschluss über die Auswirkungen einer relativ
frühen Einschulung auf die weitere Entwicklung der Kinder.
Ziel der Forschungsarbeiten war es, eine empirisch gesicherte Aussage darüber zu treffen, wie sich das Alter bei der Einschulung auf die
weitere Bildungskarriere der Kinder auswirkt. Dafür wurden mehrere umfangreiche Schülerdatensätze ausgewertet. Insbesondere wurden
erstmals anonymisierte Daten analysiert, die Informationen über alle Schülerinnen und Schüler in allgemein bildenden und
beruflichen Schulen im Bundesland Hessen beinhalten.
Die Untersuchungen belegen, dass Kinder, die auf Grund von Stichtagsregelungen früh eingeschult werden, am Ende der Grundschulzeit
im Durchschnitt deutlich schlechter abschneiden als ihre älteren Mitschülerinnen und Mitschüler. Bereits in einer früheren
Arbeit hat das Autorenteam gezeigt, dass die Früheingeschulten in standardisierten Tests in der vierten Klasse verhältnismäßig
schlecht punkten. Dafür wurde unter anderem die Leistung in der Grundschullesestudie IGLU von in Deutschland getesteten Kindern
herangezogen. Die jüngeren Kinder erzielen hier etwa 30 Punkte weniger als die älteren. Betrachtet man den Übergang von
der Grundschule auf das Gymnasium, so zeigt sich, dass sich die Chance für die Jüngeren, ein Gymnasium zu besuchen, um etwa
13 Prozentpunkte gegenüber den Älteren verringert. Absolut gesehen heißt das, dass sich für die jüngeren Kinder
die Wahrscheinlichkeit, direkt nach der Grundschule auf das Gymnasium zu wechseln, um circa ein Drittel verringert.
Jüngere holen später auf
Detaillierte und längerfristige Befunde bis zum Ende der 13. Jahrgangsstufe enthält eine aktuelle Studie, die von der
Deutsch-Britischen Stiftung und zum Teil von der Leibniz-Gemeinschaft gefördert wurde*. Die Untersuchung weist nach, dass die
früher Eingeschulten immerhin später etwas aufholen. Nach der zehnten Klasse wechseln sie häufig von einer niedrigeren
Schulform auf ein berufliches Gymnasium oder eine Fachoberschule, um über diese Wege einen höheren Schulabschluss zu erwerben.
Dadurch kann sich der anfängliche Effekt auf die Bildungsergebnisse neutralisieren.
Des Weiteren ergab eine Simulation, dass der finanzielle Gewinn durch den frühen Arbeitsmarkteintritt den Verlust der frühen
Einschulung überwiegt. Dennoch: Dass die Früheingeschulten zunächst seltener auf das Gymnasium gehen und erst später
auf eine entsprechende Schulform wechseln, belegt, dass hier einer Gruppe eigentlich geeigneter Kinder aufgrund ihres relativen Alters
für mehrere Jahre der Zugang zum Gymnasium erschwert wird. Die Ergebnisse stellen eine Herausforderung für die Lehrer, aber
auch die Eltern dar. Um die Nachteile, die Kindern aufgrund ihres jungen Alters entstehen, abzumildern, sollte bei der Entscheidung für
eine weiterführende Schule das Alter der Kinder mit berücksichtigt werden.
Die präsentierten Ergebnisse stellen andererseits keine Evidenz gegen frühes institutionalisiertes Lernen per se dar.
Würden alle Kinder beispielsweise ein Jahr später eingeschult, löste dies nicht das Problem, dass die jüngsten Kinder
in dieser Klasse zu einem gegebenen Zeitpunkt im Durchschnitt nicht denselben Entwicklungsstand erreicht haben wie die ältesten
Kinder in der Klasse. Ferner gilt zwar, dass die Befunde auf Auswertungen repräsentativer Schülerdaten basieren und darum
allgemein gültig sind. Davon zu unterscheiden ist jedoch die Entwicklungsprognose für ein individuelles Kind mit all seinen
Stärken und Schwächen. Es wird immer Fälle geben, in denen die Jüngsten einer Klasse sich als Überflieger entpuppen
oder später Eingeschulte Schwierigkeiten in der Schule haben. Hier bleibt es die Aufgabe von Eltern und Erziehenden, die
persönliche Entwicklung der Kinder genau zu beobachten.
Dr. Andrea Mühlenweg, ZEW, Prof. Dr. Patrick Puhani, Leibniz Universität Hannover
*Die aktuelle Studie erscheint 2010 im "Journal of Human Resources" (Mühlenweg, Andrea und Puhani, Patrick: The Evolution
of the School Entry Age Effect in a School Tracking System) |